5 Burnt Island Lake - Otterslide Lake


Manchmal vergißt man sie völlig. Fällt sie einem dann allerdings in einer beengten Umgebung wieder ein, geht sie nicht mehr weg, wie ein Ameisenlöwe sitzt sie im Kopf und zwingt das Denken auf immer engeren Kreisen um sich herum. Irgendwann schnappt die Klaustrophobie zu, dann muß man raus, sofort, oder sich so gründlich ablenken, daß man sie vergißt. Hier, unter einem drückenden Himmel und im Angesicht des düsteren Waldrandes, der alle Seen säumt, gibt es wenig Ablenkung, selbst tagsüber hat die Weite des Wassers etwas Beengendes, Beängstigendes. Aber Nachts!

Es ist nicht das Tier, das draußen in den Winkeln hockt und die Zähne bleckt, es ist der Wald selbst, der mir zu nahe rückt, das pechschwarze Zelt um mich schnürt. Draußen plätschert der See, ein fremdes Geräusch. Die Augen zu öffnen macht keinen Unterschied. Langsam spüre ich, wie sich Angst in meine Gedanken schleicht. Es gibt keine Gefahr, denke ich, mir gefällt es hier, denke ich, aber die Sirenen schrillen sekündlich lauter. Ich will raus, will weg, ein überwältigender Fluchtimpuls baut sich auf, und läuft gegen eine Mauer aus Dunkelheit. Dann gehöre ich der blinden Panik.

Lansing, in seinem Bericht von Shackletons transantarktischer Expedition, schreibt, was für eine bemerkenswerte Leistung es ist, daß die im Eis gefangenen Teilnehmer in der Polarnacht nicht, wie andere Expeditionen vor ihnen, den Verstand verloren. Er berichtet von Männern, die im Kreis um ihr Schiff rennen, um sich die nicht abbrechenden Gedanken aus dem Leib zu kämpfen, und die scheitern. Lese ich das, während ich zuhause sitze, eine Leselampe über dem weich gebetteten Kopf, dann kann ich den Gedanken zwar nachvollziehen, der Wahnsinn, von dem Lansing spricht, bleibt aber abstrakt. Hier, in der kanadischen Nacht, mache ich die Bekanntschaft seines kleinen Bruders.

Ich öffne das Zelt, stecke den Kopf hinaus, die Sterne geben ein fahles Licht, zum Glück ist es nicht bewölkt, aber dennoch rückt Schwärze mir nahe, saugende Leere und enges Gefängnis zugleich. Ich wecke Frau H, ich habe keine Wahl, aber indem ich die Panik in Worte fasse, mache ich zwei aus ihr. Eine wortlose und eine artikulierte. Steigere Dich nicht rein, sagt sie, was, wenn ich auch Panik bekomme? Das beruhigt mich ein wenig, jeder Gedanke ist eine Ablenkung.

Eine weitere Ablenkung: ich muß auch auf die Toilette, die bei all diesen Campingplätzen ein Loch mitten im Wald ist, mit einem Brettkasten darüber, in den ein Loch gesägt wurde, mit einem Deckel drauf. Dankbar für die Bewegung nehme ich eine Taschenlampe und gehe, vielleicht vierzig Meter weit, in den Wald, da ist der Kasten. Während ich hier sitze, lasse ich die Taschenlampe über das nahe Gebüsch streichen, ich sehe natürlich nichts über die erste Schicht der Blätter hinaus, aber ich höre sie: interessiertes Rascheln nähert sich, das Licht, das mir einen Raum gibt, in dem sich die Panik verdünnen kann, ist eine Leuchtreklame im hiesigen Nachtleben. "Menschen mit runtergelassenen Hosen" funkelt sie hinaus. Und warum auch nicht.

Fast fühle ich mich wohl im Wald, aber jetzt muß ich zurück ins Zelt, in die Enge, und sofort kommt die rasende Panik wieder. Ginge morgen die Sonne nicht auf, ich liefe zum Frühstück schon ums Schiff in engen Kreisen, selbst wenn gar keins da wäre, und sänge laut Fahrtenlieder gegen den Ichverlust. Zum Glück hat aber Frau H ihre geistige Notapotheke zur Hand, mit Engelsstimme hypnotisiert sie mich an einen Strand, meine Glieder werden schwer ("Das ist nur ein Trick" schreit machtlos die Panik), und noch eine halbe Stunde liege ich da und erwürge die Angst mit Strand. Dann ist gut.

Am Morgen ist der Himmel saubergefegt und blau wie eine Schönwetterhaubitze. Noch vor dem Frühstück paddeln wir einige Meter zu unserem Wunsch- Campingplatz, von dem uns der Wind gestern wegtrieb. Hinter diesem Platz ist eine kleine Bucht, in der Bucht seichtes, sumpfiges Wasser. In solchem Gelände, da sind sich die Führer einig, tanzen die Moose, die kanadische Variante der Elche, des Morgens Ballett. Und was der Führer sagt, glaubt der Deutsche natürlich gern. Gelogen ist es, man hätte es wissen können, still und starr ruht der See, und nachdem ich einen kleinen Totempfahl frech von hinten genommen habe, gibt es auch schon Frühstück (Freedom Toast) und Aufbruch.



Burnt Island Lake - auf dem übrigens weit und breit keine verbrannte Insel zu sehen ist - legt nachmittags oft schweren Wind auf und ist dann unschiffbar. Weil der Mensch ein Narr ist und nicht aus Fehlern lernen mag, knote ich während der Fahrt erneut die Rute ans Heck und lasse Schnur und Hoffnung sausen.

Es saust auch ein steifer Wind aus Nordost und schiebt uns wild über den See, der wieder einmal in lustigen Wellen um uns her tanzt. Das nächste Ufer - Burnt Island ist kein Pipikackasee, sondern ausgewachsen und mit Haaren auf der Brust - ist wenigstens 500 Meter entfernt. Und in der falschen Richtung. Wir legen die Persönlichen Schwimm-Geräte an und paddeln ein wenig entschiedener. Die sich brechenden Wellen gewinnen stetig an Höhe, der Schaum sammelt sich in eigenartigen, gradlinigen Straßen auf dem Wasser, die wir schräg durchqueren. Kämen mehr als vier große Wellen hintereinander, das Boot müsste kentern. Netterweise kommen sie einzeln und im Abstand. Wir paddeln wie irr, zäh rückt die Küste näher, dann aber doch. Ein sanfter Sandstrand, wir ziehen das Kanu hinauf und essen erstmal zu Mittag. Wenig später steuert durch die hochschlagenden Wellen ein weiteres Paar den Strand an, zwei Kanadier, die in Irland leben, und zum Urlaub zurück kommen in die Wildnis. Während wir noch essen, laden die beiden sich alles auf und verschwinden im Wald.

Als gestern über den Bäumen am Seeufer grell wie der Scheinwerfer eines landenden Flugzeugs der Abendstern leuchtete, mußte ich "I’m your venus, I’m your fire" denken, es ging nicht anders. Der Automatismus ärgerte mich zuerst, meine Wahrnehmung, die wie ein rostiger Supertanker die Jungfräulichkeit mit öligen Vergleichen verklebte. Nach den Prüfungen der Nacht allerdings habe ich Respekt für meine Umgebung, der über den Naturliebekitsch hinausgeht. Die Deutungen und Mythologisierungen, ob mächtige Göttinen, Flugzeuge oder Bananarama bemüht werden, machen aus der Fremde ein Gegenüber. Und weitere Erkenntnis: relative Einsamkeit verführt schon nach wenigen Tagen zu banalem Blödsinn. Es wird Zeit für körperliche Arbeit.

800 Meter lang ist die Portage, die längste bis jetzt. Die Irenkanadier trugen all ihr Gepäck auf einmal, und zusätzlich zum Gepäck setzte sich der Mann noch das Kanu auf. Daran ist für uns nicht zu denken, wir müssen uns gegenseitig mit den schweren Rucksäcken auf die Beine helfen, dann stapfen wir wankend los, durch den Wald, über eine Wasserscheide hinweg. Bislang paddelten wir gegen die Strömung, die Richtung Lake Huron führt, aufwärts, auf der anderen Seite werden wir der Strömung abwärts Richtung St. Lorenzstrom folgen. Aber erst müssen wir die andere Seite erreichen.

Der Wald, den wir durchqueren, ist friedlich still und strotzend grün. Aber bei näherem Hinsehen sieht man auch hier wieder überall die Nährstoffarmut dieser Gegend und den Kampf um Licht, Stickstoff und das zarte Fleisch durchächzender Wanderer. Bäume fallen haltlos von den Brocken, auf denen sie sich leichtsinnig festzukrallen versuchten, nur wenige Zentimeter körniger Waldboden deckt den uralten Granit. Kreuz und quer lasten die Toten auf den Lebenden. Auf einem der nackten Felsbrocken rasten wir und trinken gierig Wasserflohsuppe mit Totmachchemie drin aus Plastikflaschen. Natur!

Wenig später stolpern wir einen sanften Abhang hinab in eine Senke, die quer zum Weg verläuft, und durch die im Frühjahr sicher ein kleines Flüsslein plätschert. Jetzt ist es nur ein matschiger Streifen Wald mit großen Prankenabdrücken drin. Ein Bär kam hier vorbei, lang kann es nicht her sein. Wir sehen uns um, man sieht kaum 10 Meter weit in diesem grünen Wirrwar, und gehen dann weiter. Frau Hs Dinnerbell bimmelt womöglich etwas lauter jetzt, aber in dieser Stille klingt jedes Geräusch laut. Ein Specht zum Beispiel, klopft einen Baum zaghaft auf Gewürm ab, und man hört ihn hunderte von Metern weit, verhallend. Dann sind wir durch, laden die Rücksäcke ab und machen uns auf den Rückweg. Dann sind wir schon wieder durch und ich lade mir das Kanu auf.



Ein Kanu zu tragen ist eine lustige Erfahrung, und das nicht nur, weil man bekloppt aussieht. Das Kanu ist zuerst erstaunlich leicht vorwärts zu bewegen, gleichzeitig aber extrem schwer zu drehen, sowohl Richtungsänderungen als auch Kippungen setzt es enormen Widerstand entgegen. Nach einer Weile nivellieren bohrende Schmerzen in den Schultern aber den Unterschied und jede Bewegung wird anstrengend. Interessant ist auch, was man vom Weg noch sieht, nachdem man sich ein Kanu aufgesetzt hat: nichts. Als die ersten Kanuhüte erfunden und durch die Wälder getragen wurden, muß es eine Offenbarung gewesen sein, als jemand herausfand, daß man sich in den Hüten auch in einen See setzen kann. "Hey", rief er, in den Grunzlauten, die damals in Mode waren, "die Dinger schwimmen ja!" Aus allen Richtungen kamen Leute mit Kanuhüten heran und staunten. Dann machten sie dem Erfinder ein Loch in seinen schwimmenden Hut und versenkten ihn, denn Traditionen sind wichtig und dürfen nicht so einfach umgeworfen werden.

Nichts von all dem denke ich natürlich im Wald. Trägt man ein Kanu durch den Wald, denkt man nur: Wurzel. Stein. Wurzel. Au. Stein. Au. Wurzel. Au. Au. Wurzel. Stein. Stein. Da. Endlich. Dann stößt man das Kanu laut irgendwo an beim Versuch es abzusetzen, denkt "jetzt ist es kaputt, wir werden sterben", stellt fest, daß es doch noch schwimmt, lädt das Gepäck ein und fährt davon.

Die weitere Route führt uns durch zwei hübsche und sehr menschenleere Seen, die Little Otterslide Lake und Otterslide Lake heißen. Die Thujas am Ufer sind soweit das Auge reicht bis in etwa 3 Meter Höhe kahlgefressen: Moose. Das Fortkommen erschwert uns aber zunächst ein etwas kleinerer Säuger. Der Kanal zwischen den beiden Seen nämlich ist auf ganzer Breite abgeriegelt. Biberwerk. Glücklicherweise ist der Damm solide, wir schieben das Kanu stückweise über die niedrigste Stelle und paddeln in den malerischen Kanal, in dem sich, erstmals an diesem Tag, sogar die Sonne zeigt. Erhebliche Aufregung löst bei uns ein riesiger Frosch aus, der träge am Ufer dümpelt und äußerst stoisch die vorsichtigen Annäherungsversuche über sich ergehen läßt. Wir paddeln lautlos minutenlang, bis das Kanu ideal steht, die Sonne unter dem rechten Winkel scheint und der Frosch mal nicht blinzelt. Dann schlägt der Verschluß zu und die Seele des Amphibs ist im Kasten.



Bei der Ankunft am See treibt mitten im See erneut eine Loon und mustert uns aufmerksam. Schließlich fällt das Tier eine Entscheidung, sperrt den langen, spitzen Schnabel auf und lacht. Es ist kein menschliches Lachen, sie lacht uns nicht aus und sie lacht uns nicht an. Es ist das Lachen des großen Geists des Nordens, ein Naturereignis, keine Emotionsäußerung, aber wir lächeln dennoch respektvoll zurück. Fast jedes Buch, jeder Text über diese Landschaft schreibt es, und schon nach diesen wenigen Tagen wissen wir, wie sehr es stimmt: wer die Loon rufen gehört hat auf diesen Seen, der sieht sie mit anderen Augen. Es ist ein verlorener Ruf, von den Ufern zurückgeworfen trägt er weit, aber beruhigend zugleich. Die Loon ist Herrin über diese Gewässer, länger als der Mensch sie kennt. Und so ist es gut.

Das Zelt schlagen wir direkt über dem Wasser auf, am Rande eines lichten Kiefernwaldes. Die Iren wohnen gegenüber, kaum einen Kilometer entfernt, wir haben ihr Kanu beim Vorbeipaddeln gesehen. Mit Kakao und Obstbrand nebeln wir uns nach dem Chili con Carne am Abend angenehm ein; als die Sonne schließlich versinkt, verliert der Wald langsam seine abweisende Ausstrahlung, erwacht zu einem stillen Leben und ich fühle mich wohl.



Nachts erwache ich irgendwann, öffne mechanisch die Zelttür und strecke den Kopf hinaus. Ich sehe Sterne und die Silhouetten der Bäume. Der See platscht. "Aha. Dunkel", denke ich, ziehe den Kopf wieder ein und schlafe weiter.

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