Kapitel 1
Kanadas sengende Sonne
Teil 1


Im Bauch der friedlich summenden Boeing 747 gluckerten die Stewardessen und Stewards freundlich und bestimmt die Gänge auf und ab, schoben ihre kleinen Wagen vor sich her und achteten sorgfältig darauf, nicht an gelegentlich überhängende Ellbogen oder die Decken zu stoßen, mit denen manche Passagiere sich eingewickelt hatten. Denn wenn es im Fluggerät auch nicht so kalt sein mochte wie draußen vor den Fenstern, zehn Kilometer über Grönland, so pflügte doch eine erfrischende Brise durch zahllose Reihen mit je acht Sitzen und hinterließ vielleicht kleine Hügel auf mancher Haut.
Ein paar Stunden zuvor, dachte K., wäre beinahe alles verloren gewesen, die Zukunft verspielt, vertändelt, noch ehe sie begann. Die Transferzeit, die die Fluggesellschaft für den Wechsel aus der vergleichsweise kleinen 737 in den Frankfurter Flughafen und für den anschließenden Wechsel aus dem Flughafen in die Eingeweide des Jumbo-Jets vorgesehen hatte, war außergewöhnlich knapp bemessen, und obwohl K. sich beeilt und der Beamte an der Paßkontrolle ihn reichlich gleichgültig durchgewinkt hatte, als er Farbe und Form des Passes erkannt hatte, fehlten nur knappe vier Minuten zur Abflugzeit, als er endlich im - schon leeren - Terminal ankam.
"Do you still accept passengers", hatte eine Stewardess eine zweite gefragt, nach kurzem Blick auf die Bordkarte, und noch ehe der Satz und die Gefahr, die er enthielt, verstanden war, nickte die befragte und schaute in eine andere Richtung. Füllte vielleicht ein Formular aus oder feilte die Nägel. Kurz sprach, bewegte sich niemand, dann begriff K., daß das Personal sein möglichstes getan hatte, und machte sich auf die Suche nach dem Ausgang und der Maschine mit seinem Sitzplatz darin. Interessant, daß schon hier das Ahornblatt auf dem Seitenruder der anvisierten Maschine den Weg wies. Das Ahornblatt.
Wait till you see.

Der erste Steward hatte konsterniert aufgeblickt, sich professionell schnell gefaßt und nach dem Namen erkundigt. "You are Mister S.?", hatte er noch einmal bekräftigend gefragt, und als K. genickt hatte, "Follow me, Sir."
Vorbei an eng ins Flugzeug hineindesignten Kaffeemaschinen und Müllschluckern, einen Gang hinunter, zwischen Sitzenden hindurch, deren mildes Interesse sich bald hatte klären sollen. "It`s further down there, sir. But not too far." Ein Nicken. An der Ampel links und bis zur.. da isses ja schon. Platz 27G. K. hatte sich gesetzt.

Wenige Sekunden später, K. noch beschäftigt mit dem Sortieren von Decke - wozu war dieses grüne Tischtuch wohl gedacht? - und den zahlreichen Bordpublikationen, hatte eine Durchsage erhellt. Drei passengers schienen verloren, gleichwohl ihr Gepäck aber an Bord, und wenn die Folgenden an Bord seien, so möchten sie sich melden. Hatte der Käptn durchgesagt. Beim Bordpersonal melden. "Hello", sagte K., "I'm S.". Die Stewardess hatte genickt, war hinter einem Vorhang verschwunden (dasselbe Material wie die Decke? Nein, nur dieselbe Farbe) und jenseits des 4 Sitzplätze in der Mitte als eine andere wieder aufgetaucht.
"You are Mister S.?" hatte sie über vier gleichgültige Köpfe hinweg gefragt. Durchaus, er sei es. Ob sie seine Bordkarte sehen dürfe. Sie durfte. Und ging.

Langsam nur hatte er anschließend das Gehörte rekapituliert. Die drei Passagiere waren nicht nur verlorene Seelen gewesen, es war sogar im Moment der Durchsage jemand dabei gewesen, das Gepäch der drei Verlorenen zu suchen und hinauszuschaffen. Auszuscheiden. Aus dem Leib der Maschine in einer zufällig scheinenden Bewegung herauszuziehen..oder zu druücken? Warum nicht. Blick über die Schulter, besetzt. Ein gedachtes Kneifen in die unteren Regionen und weiter mit den Erinnerungen.

Hätte er sich nochmals melden, betonen sollen, daß er tatsächlich und nicht nur aus einer Laune sondern schon seit geraumer Zeit Mr. S. war? Daß also sein Gepäck im Inneren zu bleiben habe? Und nicht heraus.. es hätte vermutlich nicht funktioniert. Drei Versuche waren genug erschienen, und schließlich war das jetzt auch schon der fünfte Besuch im.. ein Klicken, die Tür offen. Er stand auf, ein kurzer Blick ins Gesicht eines älteren Mannes, der zwei Meter weiter entfernt und also Verlierer in diesem Spiel war, und er war drin. Mal wieder. Und es gluckerte. Ein Druck, ein Schieben und Schnauben. Entladung. Weiterhin Gluckern. Erneute Entladung. Er stand auf, schloß den Hosenknopf, griff nach der Seife. Gluckern. Öffnete den Knopf. Und wieder entlud sich der Bauch. Das Gepäck war verloren, wurde ihm klar. Vier Stunden zu spät und hoch über dem Atlantischen Ozean kam die Ahnung und verließ den engen Toilettenraum wieder in einer kleinen Explosion und mit einem Stöhnen.

Mit dem letzten Vorüberschieben des Stewards war eine neue Sicherheit über ihn gekommen. Auf früheren Flügen hatte er immer dankbar angenommen, was von alleine auf ihn gekommen war, war nichts gekommen, nun, dann hatte er eben nichts genommen. Segnungen der Natur; sei dankbar wo du sie erhätst, füge dich andernfalls. Ein Plastikbecher voll Wasser? Gelobt sei der Herr Jesus Christus. Ein weiches Brötchen und Butter? Hosianna in der Höhe. Getränke nur für die Herrschaften in der business class? Der Herr gewährt und verweigert nach höherem Gesetz.
Eine genügsame und hingebungsvoll melancholische Einstellung also, aber sicherlich geeignet nur für Kurzstrecken. Die Abenteuerlust mußte irgendwann nach der fünften Stunde über ihn gekommen sein, als sich die winzigen Fernseher wieder in die Decke gesaugt hatten (durch den Überdruck sicherlich, der draußen herrschte) und die Enttäuschung über die fehlende Großbildleinwand mit sich genommen hatten. Kein Kino also bot man an Bord dieser Flüge, sondern Fernsehen wie beim Nachbarn. Aus dem eigenen Wohnzimmer betrachtet, freilich. Was Bequemlichkeit und Ökonomie bestens vereinte. Und das Erstaunlichste war, daß man aus dieser Entfernung tatsächlich noch etwas erkennen konnte. Sean Connery, beispielsweise. Oder nein, das Erstaunlichste war, daß das kleine Abenteuer einer zaghaften Bestellung beim Steward in der Lieferung einer Dose Cola und eines Whiskyfläschchens gipfelte. K. erschauerte ehrfürchtig und erwog, die Tischdecke um sich zu wickeln. Menschliche Würde rang einen kurzen Moment lang mit dem knöchernen Kältegefühl, und natürlich siegte die Würde. Ein paar Minuten später dann fand das Rückspiel statt, und diesmal fegten die Kälteschauer alles vom Platz. Begeistert über seine neuentdeckten Zauberkräfte bestellte der eingewickelte K. ein Sprite, ein Wasser und einen Tomatensaft. Die auch prompt geliefert und ausgetrunken wurden. Ein halbverstehender Blick zu einem rechteckigen Knopf aus Plastik über seinem Sitzplatz, der das Symbol eines Trinkgefäßes zeigte, führte allerdings und glücklicherweise zu keinem weiteren Gewagtheiten.

Wieder gluckerte ein Steward vorbei - nein, das Geräusch kam diesmal aus dem Bauch. Ein rascher Blick. Frei. K. stand auf und fragte sich, wieviele der weiter hinten Sitzenden - die jedesmal in Zehnergruppen (der englischsprachige Paranoide hatte es leichter: "in tens") in seine Richtung starrten, wenn er die Toilette betrat - sich fragten, welche Krankheit er da wohl unter ihren Augen nach Kanada einschleppen mochte, und wieviele von ihnen den Einwanderungsexperten unverzüglich nach der Landung Mitteilung machen würden. Schriftlich vielleicht sogar. Diese, finstere Gesellen und Beamte durch und durch, würden ihn foltern und quälen und seinen Darm dickpumpen mit Luft, die dann, gluckernd.. Ächz, Quatsch, der reine Schafscheiß. Fieber, genaugenommen. Wenn das nur keiner merkte, vor allem die Beamten nicht, nachher. Die waren imstande und erschossen ihn sofort. Wegen ansteckendem Fieberwahn. K. massierte, sitzend und mit heruntergelassenen Hosen, die Speckröllchen an seinem Unterbauch, um durch die massiven Wärmespeicherschichten hindurch die inneren Pumpen anzutreiben, spürte mehr als er es hörte, wie massive Luftblasen sich Wege bahnten, wo sie nicht hingehörten. Stand auf, seufzte, setzte sich wieder. Massierte. Seufzte. Und sah sich selbst ins Gesicht. Wenigstens sehe ich nicht krank aus, dachte er. Ein Irrtum freilich, aber ein beruhigender.

Die Nachrichtensendung die aus den wieder heruntergelassenen Fernsehern strömte, oder besser: die in ihnen gezeigt wurde, war vom Sender speziell für den Luftverkehr gestaltet, eine "in-flight edition", mit besonderem Gruß und Guterflugwunsch am Ende. Besondere Signifikanz mußte also für Kanadaneulinge besitzen, was hier bunt gezeigt und laut erzählt wurde. Fernsehsender, monströse Politkraken mit mehr Einfluß, als jedem lieb sein konnte, streckten ihre schmutzigen Finger ohnehin überallhin aus. Er runzelte die Stirn und schnitt ein bedenkliches Gesicht, so kompliziert ausgedrückt im Deutschen und nur ein Wort im Englischen: Er frownte. Und faßte sich an die Runzeln. Tatsächlich, heiß. Fieber vermutlich, wahrscheinlich sogar. Kein Wunder also, daß wirre Gedanken gluckerten. Gluckerten? Nicht schon wieder.
Aber tatsächlich war sie merkwürdig, diese in-flight Meldung über Wayne Gretzky, den der Sprecher mit der größten Selbstverständlichkeit "the great one" nannte, der Werbung für Arthritis mache und zugleich Tylenol habe, nein, vielmehr umgekehrt, Werbung für Tylenol und von Arthritis, einer finster dreinblickenden Farmaphirma, frowning phirm, dafür bezahlt und anyway, ein echter in-flight Skandal, den brennenden Blick aus dem Fenster auf die unglücklich gerade dort plazierte Tragfläche gerichtet, fiel es ihm ein, einem raschen Nicker die Ohren zu öffnen. Irgendwo mußte es ja hinein gelangen in den Kopf, das Nicker.
Chen, dachte irgendwas. Ja, viele Asiaten gibt's in Toronto, dachte er schläfrig zurück, obwohl er das zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wußte. So nachlässig ist man im Fieber.

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